DEUTSCHLAND HAT SO VIEL. DIE FRAGE IST, WAS WIR DARAUS MACHEN.

Es verändert sich gerade unglaublich viel gleichzeitig. Unternehmen stehen unter Druck, Technologien verändern ganze Branchen und niemand kann uns seriös sagen, wie unsere Wirtschaft in fünf Jahren genau aussehen wird.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich etwas anderes: Wir reden unglaublich viel darüber, was Deutschland fehlt. Und viel zu wenig darüber, was längst da ist.

Unternehmen. Wissen. Forschung. Technologie. Kapital. Erfahrung. Menschen.

Was könnten wir daraus machen, wenn wir anfangen, diese Dinge früher und besser miteinander zu verbinden?



Wenn so viel unsicher wird, fühlt sich das Bekannte gut an

Du machst morgens das Handy an. Ein Unternehmen kündigt Stellenabbau an. Zwei Beiträge weiter zeigt jemand, was KI heute schon in wenigen Minuten erledigt. Ein Kunde verschiebt seine Entscheidung noch einmal. Der nächste Artikel erklärt dir, warum Deutschland dringend wieder mehr investieren muss. Dann kommen Energiepreise, Fachkräfte, China, USA, neue Technologien, Bürokratie und die Frage, welche Geschäftsmodelle in fünf Jahren überhaupt noch funktionieren.

Irgendwann legst du das Handy weg und bist kein bisschen sicherer als vorher. Eigentlich hast du nur mehr Fragen.

Ich kenne dieses Gefühl ziemlich gut. Je unübersichtlicher alles wird, desto stärker suchen wir nach etwas, das wir kennen. Das ist völlig menschlich. Wenn ich seit zwanzig Jahren mit einem Geschäftsmodell Geld verdiene, werfe ich es nicht morgens aus dem Fenster, weil jemand auf LinkedIn von Disruption spricht. Wenn ich einem Kunden oder Lieferanten vertraue, gehe ich bei einem neuen Vorhaben zuerst wieder dorthin. Und wenn mein Netzwerk über Jahre gewachsen ist, frage ich natürlich zuerst: Kennst du jemanden für genau dieses Thema?

Nur gibt uns das Bekannte keine Garantie für morgen.

Irgendwann habe ich für mich deshalb die Frage gedreht. Ich suche weniger nach der einen Prognose, die mir Sicherheit geben soll. Ich frage mich lieber: Welche Möglichkeiten habe ich, wenn es anders kommt als gedacht?

Ein zweiter Kunde ist eine Möglichkeit. Ein weiterer Lieferant auch. Eine Technologie, die ich verstanden habe. Ein Partner außerhalb meines bisherigen Radius. Drei Menschen, die ich anrufen kann, wenn sich meine Situation verändert.

Ich muss heute nicht wissen, wie die nächsten fünf Jahre exakt aussehen. Aber wenn sich etwas verändert, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich dann nur einen Weg kenne oder mehrere.

Für mich ist das inzwischen Handlungsfähigkeit: nicht alles wissen müssen, aber mehr als einen Weg haben.

Genau das passiert auch im Business. Wenn Zeit fehlt oder Druck entsteht, suchen wir zuerst dort, wo wir ohnehin schon sind: im eigenen Netzwerk, bei bekannten Partnern, im vertrauten Markt. Das ist nachvollziehbar. Es kann aber auch bedeuten, dass die relevanteste Option außerhalb dieses ersten Radius liegt.



Vielleicht fehlt uns weniger, als wir denken

Dieser Gedanke lässt mich inzwischen nicht mehr los.

Da sitzt irgendwo in Baden-Württemberg ein Familienunternehmen. Für ein neues Produkt fehlt eine bestimmte Technologie. Vielleicht arbeitet ein Unternehmen in Finnland längst genau daran.

In München entwickelt ein Forschungsteam etwas, das im Labor funktioniert. Jetzt bräuchte es einen Industriepartner, der sagt: Komm, wir probieren das unter echten Bedingungen aus.

Ein Unternehmen in Österreich sucht jemanden mit sehr spezieller Erfahrung. Genau dieser Mensch arbeitet vielleicht gerade in Polen und weiß überhaupt nichts davon.

Ein Gründer braucht Kapital für den nächsten Schritt. Gleichzeitig sucht irgendwo ein Unternehmer oder Investor nach genau dieser Art von Technologie.

Alles ist da. Nur voneinander wissen diese Menschen nichts.

Dann dauert es sechs Monate. Oder zwölf. Oder die Verbindung entsteht überhaupt nicht. Man fragt herum, durchsucht Profile, fährt auf eine Messe und irgendwann sagt jemand beim Kaffee:

„Moment mal. Ich kenne da jemanden.“

Ich habe einen großen Teil meines Berufslebens in der Messewelt verbracht. Genau dort konnte man dieses Problem fast körperlich erleben. Zehntausende Menschen kommen an einen Ort. Hunderte oder tausende Unternehmen stehen in Hallen. Der Technologiepartner, den du seit Monaten suchst, kann 200 Meter von dir entfernt sein.

Und ihr lauft aneinander vorbei.

Das macht Messen nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Menschen begegnen sich dort wirklich. Produkte werden real. Vertrauen entsteht.

Mich beschäftigt nur die Strecke davor immer stärker: Woher weiß ich eigentlich, mit wem von all diesen Menschen ich sprechen sollte? Wer ist für mein konkretes Vorhaben gerade wirklich relevant und warum?

Wir reden viel darüber, was Deutschland fehlt

Und vieles davon gehört auf den Tisch.

Trotzdem möchte ich die Kamera einmal drehen.

Deutschland hat rund 3,87 Millionen kleine und mittlere Unternehmen. Dort arbeiten 33,01 Millionen Menschen.

2024 wurden in Deutschland 137,1 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Das entsprach 3,17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, dem höchsten Wert seit Beginn der Destatis Zeitreihe im Jahr 1995.

Und 2025 gingen beim Deutschen Patent und Markenamt 62.050 Patentanmeldungen ein. Das waren 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das beweist nicht, dass automatisch alles gut läuft.

Aber es zeigt etwas Wichtiges:

Es ist unglaublich viel da.

Fast vier Millionen mittelständische Unternehmen verschwinden nicht einfach, weil die Stimmung schwierig ist. Millionen Menschen bauen, entwickeln, reparieren, programmieren, beraten, verkaufen, bilden aus und lösen jeden Tag Probleme, über die nie jemand einen Leitartikel schreibt.

Die spannende Frage ist deshalb für mich nicht nur, was uns fehlt.

Sondern was zwischen all dem Vorhandenen passiert.

Zwischen einer guten Idee und ihrem ersten großen Kunden. Zwischen Forschung und industrieller Anwendung. Zwischen einer Technologie und dem Unternehmen, das genau diese Technologie gerade sucht. Zwischen Kapital und einem Projekt, zu dem dieses Kapital wirklich passt. Zwischen Erfahrung und dem Menschen, der sie gerade braucht.

Vielleicht liegt genau dort mehr wirtschaftliches Potenzial, als wir gerade sehen.


Unsere Möglichkeiten enden nicht an der deutschen Grenze

Vielleicht fällt mir dieser Gedanke aufgrund meiner eigenen Geschichte etwas leichter.

Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter kommt aus Finnland. Ich bin in Deutschland geboren und war schon als sehr kleines Kind ständig zwischen diesen beiden Ländern unterwegs. Für mich waren das nie zwei getrennte Welten. Hier lebte Familie, dort lebte Familie.

Später kamen viele andere Länder dazu. Und überall waren Dinge anders.

Genau das fand ich immer interessant.

Ich möchte diese Unterschiede überhaupt nicht verschwinden sehen. Im Gegenteil.

Ein deutscher Maschinenbauer bringt andere Erfahrungen mit als ein finnisches Technologieunternehmen. Ein italienischer Familienbetrieb sieht manches anders als ein Team in Estland. Ein österreichischer Unternehmer bringt andere Perspektiven mit als jemand in den Niederlanden.

Daraus kann etwas entstehen.

Für mich geht es deshalb überhaupt nicht darum, Deutschland kleiner zu machen. Ich möchte, dass ein deutsches Unternehmen mehr Möglichkeiten hat.

Dass der passende Kunde auch in Österreich sitzen darf. Die Technologie in Finnland. Der Spezialist in Polen. Der Investor in der Schweiz. Der Industriepartner in Italien.

Wo er sitzt, ist für die entscheidende Frage zweitrangig:

Passt er zu dem, was ich gerade vorhabe?


Und dann kommt die Frage: Was soll ich allein schon machen?

Die kenne ich.

Sobald wir über „die Wirtschaft“, Deutschland, Europa, KI, Klima oder geopolitische Veränderungen sprechen, machen wir die Themen irgendwann so groß, dass wir selbst darin verschwinden.

Dann ist Berlin zuständig. Brüssel. Die Konzerne. Investoren. „Die Politik“. Irgendjemand mit mehr Macht oder mehr Geld.

Und für uns bleibt die Zuschauerrolle.

Aber Wirtschaft entsteht jeden Tag in viel kleineren Situationen.

Vielleicht kennst du den Unternehmer, den jemand anderes gerade sucht. Vielleicht sitzt in deinem Unternehmen Wissen, das einem jungen Team drei Monate Umweg ersparen könnte. Vielleicht kannst du einer neuen Technologie einen Piloten ermöglichen. Vielleicht gibst du einem kleinen Unternehmen den ersten größeren Auftrag. Vielleicht stellst du zwei Menschen einander vor. Vielleicht investierst du. Vielleicht nimmst du dir einfach eine Stunde für jemanden, der heute vor einer Entscheidung steht, die du selbst vor fünfzehn Jahren schon einmal treffen musstest.

Keiner davon löst allein unsere wirtschaftlichen Herausforderungen.

Das muss er auch gar nicht.

Ich glaube, wir machen uns manchmal viel kleiner, als wir sind, weil wir immer gleich die ganze Aufgabe anschauen.

Mich interessiert inzwischen eine viel einfachere Frage:

Was kann ich in meinem Radius konkret bewegen?


Stell dir vor, es würde einfach ein bisschen besser funktionieren

Kein Zukunftsstaat. Keine große Vision auf hundert Seiten.

Nur ein ganz normaler Montagmorgen.

Ein Geschäftsführer startet ein neues Projekt. Er muss nicht sechs Wochen sein gesamtes Netzwerk abtelefonieren. Er erkennt früh fünf Unternehmen, bei denen Erfahrung, Technologie und Situation wirklich passen könnten.

Eine Forscherin entwickelt etwas mit echtem industriellen Potenzial. Sie wartet nicht zwei Jahre auf den Zufall, bis der richtige Industriepartner ihre Arbeit entdeckt.

Ein starkes junges Unternehmen verliert nicht ein Jahr, weil es mit zwanzig Investoren spricht, die ohnehin nie zu diesem Projekt gepasst hätten.

Ein Spezialist geht in eine neue berufliche Phase und dreißig Jahre Erfahrung verschwinden nicht einfach aus dem wirtschaftlichen System. Dieses Wissen wird dort sichtbar, wo es gerade gebraucht wird.

Und ein deutscher Mittelständler schaut nicht erst nach Polen, Finnland oder Österreich, wenn zuhause gar nichts mehr funktioniert. Er sieht vorher, wo sein nächster Kunde oder Partner sitzen könnte.

Keine dieser Geschichten klingt nach Revolution.

Genau das mag ich daran.

Denn Wirtschaft verändert sich wahrscheinlich viel häufiger durch tausende gute kleine Entscheidungen als durch den einen großen Moment.

Wenn solche Verbindungen hundertmal besser funktionieren, ist das angenehm. Wenn sie zehntausendmal besser funktionieren, entsteht ein Unterschied. Und wenn sie irgendwann hunderttausendfach besser funktionieren, reden wir über echte wirtschaftliche Handlungsfähigkeit.

Über weniger Suchzeit. Über bessere Entscheidungen. Über mehr Optionen.

Und darüber, wie viel wir selbst gestalten können.


Vielleicht kommt meine Zuversicht auch von einem Abend, den ich nie vergessen habe

Ich bin am 9. November 1970 geboren.

An meinem 19. Geburtstag fiel die Berliner Mauer.

Wir saßen vor dem Fernseher und sahen Menschen auf einer Grenze stehen, die mein ganzes bisheriges Leben lang einfach da gewesen war. Deutschland war geteilt. Das gehörte zur Realität.

Und plötzlich veränderte sich diese Realität vor unseren Augen.

Natürlich war danach nicht alles gelöst. Bis heute sehen wir, wie lange echtes Zusammenwachsen dauern kann.

Aber an diesem Abend habe ich etwas erlebt, das wahrscheinlich ziemlich tief in mir geblieben ist:

Was heute unveränderlich aussieht, muss morgen nicht unveränderlich sein.

Vielleicht kommt daher meine Ungeduld, wenn ich höre:

„Da kann man sowieso nichts machen.“

Ich glaube das nicht.

Ich glaube auch nicht, dass ein einzelner Mensch alles verändern kann. Das muss er überhaupt nicht.

Aber sehr viel beginnt irgendwann mit Menschen, die eine bestehende Situation nicht mehr automatisch für die einzig mögliche halten.


Wir müssen nicht alle dasselbe bauen

Eine Idee wird größer, wenn andere anfangen, sie mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihrer eigenen Haltung weiterzutragen.

Genau solche Menschen interessieren mich gerade unglaublich.

Menschen, die Unternehmen aufbauen, forschen, investieren, Dinge herstellen, junge Menschen ausbilden, Technologien entwickeln, Wissen weitergeben oder andere miteinander verbinden.

Menschen, die irgendwann einfach sagen:

Komm. Wir machen das jetzt.

Wir müssen dafür überhaupt nicht alle dieselbe Vorstellung von morgen haben. Im Gegenteil. Unsere unterschiedlichen Erfahrungen sind ein Teil unserer Stärke.

Aber ich bin überzeugt davon, dass wir wieder viel stärker darüber sprechen sollten, was wir miteinander möglich machen können.

Ich möchte jedenfalls in fünf Jahren nicht dastehen und sagen:

Wir haben es kommen sehen. Und nur zugeschaut.

Dafür ist zu viel da. Zu viel Wissen. Zu viel Erfahrung. Zu viele Unternehmen, die etwas können. Zu viele gute Ideen. Zu viele Technologien, die eine Chance verdienen.

Und vor allem zu viele Menschen, die bereit sind, etwas aufzubauen.

Vielleicht müssen wir uns einfach früher finden.

Genau daran möchte ich meinen Teil beitragen.

THE STEP BEFORE THE MATCH.

Martin Bonner · GLOW FOR EUROPE • For a sovereign, future-ready Europe.

Transparency: modified with GUNO AI


QUELLEN

KfW Mittelstandspanel 2025 3,87 Mio. kleine und mittlere Unternehmen; 33,01 Mio. Beschäftigte. KfW Mittelstandspanel 2025

KfW Research, Pressemitteilung zum Mittelstandspanel 2025 KfW: Mittelstand beweist Resilienz in konjunkturell schweren Zeiten

Statistisches Bundesamt, Forschung und Entwicklung 2024 137,1 Mrd. Euro FuE-Ausgaben; 3,17 % des BIP. Destatis: Forschung und Entwicklung 2024

Deutsches Patent- und Markenamt, Jahresbericht 2025 62.050 Patentanmeldungen; +4,7 % gegenüber 2024. DPMA: Patente im Jahresbericht 2025

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